Was sich derzeit an den Donau-Altwassern im Raum Straubing abspielt, ist nach Einschätzung des Fischereivereins Straubing eine der schwersten ökologischen Krisen der vergangenen Jahrzehnte. Seit dem 13. Juli herrscht beim Verein unter der Leitung des ersten Vorsitzenden Stefan Plendl Alarmbereitschaft. Täglich stehen ehrenamtliche Helfer bereits in den frühen Morgenstunden und bis in die Abendstunden im Einsatz, um das Schlimmste zu verhindern: das Sterben ganzer Lebensgemeinschaften.
Der Pegel der Donau liegt an der Messstelle Straubing derzeit bei lediglich 74 Zentimetern. Die Folgen dieser extremen Niedrigwasserphase in Verbindung mit der langanhaltenden Hitze sind dramatisch. Zahlreiche Donau-Altwasser – darunter die Fischzucht, das Allachbach-Altwasser, das Baggerloch, der Hagel sowie das Thurnhof-Altwasser – sind teilweise bereits seit Monaten trocken gefallen oder auf wenige Restwasserflächen zusammengeschrumpft.
Für viele Fische und andere Wasserlebewesen kommt jede Hilfe zu spät. Andere konnten durch den unermüdlichen Einsatz der Vereinsmitglieder noch gerettet werden. Doch der Kampf gegen die Zeit geht weiter.
Gemeinsam mit den Gewässerwarten Hans Gschwind, Bernd Groß und Thomas Sammüller entwickelte der Vorstand einen Notfallplan. Seit inzwischen zwei Wochen werden sämtliche gefährdeten Altwasser morgens und abends kontrolliert. Gemessen werden Wassertemperatur, Sauerstoffgehalt und pH-Wert – Werte, die inzwischen täglich über Leben und Tod entscheiden.
Die Messergebnisse lassen selbst erfahrene Fischereifachleute aufhorchen. Im Baggerloch und im Hagel wurden Wassertemperaturen von 30,6 Grad Celsius registriert. Für viele Fischarten bedeuten solche Temperaturen akuten Überlebensstress. Bereits wenige weitere Grad können den vollständigen Zusammenbruch eines Gewässers verursachen. Strömungsliebende Arten wie Barben, Nasen oder Bachforellen geraten schon ab etwa 22 Grad an ihre Belastungsgrenze und suchen verzweifelt kühlere Zuflüsse wie den Allachbach, den Moosgraben, die Laber, die Kinsach oder die Aitrach auf.
Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage im Altwasser Baggerloch. Bereits am 13. Juli war den Verantwortlichen klar, dass ohne sofortiges Eingreifen innerhalb weniger Tage ein vollständiges Fischsterben drohen würde. Gemeinsam mit Vertretern des Wasserwirtschaftsamtes sowie dem Umweltamt der Stadt Straubing wurde die Situation vor Ort bewertet.
Innerhalb kürzester Zeit rückten Feuerwehr und Technisches Hilfswerk an. Mit leistungsstarken Spezialpumpen wurde das Baggerloch wieder mit Wasser versorgt. Parallel dazu organisierte der Fischereiverein die Notversorgung des Biotops Hagel über einen Brunnen. Nur durch das schnelle Zusammenspiel aller Beteiligten konnte eine ökologische Katastrophe zunächst verhindert werden.
Denn was auf dem Spiel steht, ist weit mehr als ein Fischbestand.
Der Hagel zählt zu den ökologisch wertvollsten Rückzugsräumen der Region. Neben zahlreichen heimischen und teils gefährdeten Fischarten leben dort verschiedenste Froscharten, Kammmolche, diverse seltene Wasservögel, Muschelarten sowie unzählige Kleinstlebewesen. Alte Silberweiden prägen das Landschaftsbild und bieten zahlreichen Vogelarten Lebensraum.
Auch das Baggerloch besitzt eine herausragende Bedeutung. Im Frühjahr diente es tausenden Weißfischen und Hechten als Laichgewässer. Da der Rückweg in die Donau aufgrund des raschen Wasserverlustes nicht mehr möglich war, schätzt der Fischereiverein den derzeitigen Fischbestand dort auf rund vier Tonnen. Ein Ausfall dieses Gewässers hätte Folgen weit über Straubing hinaus und würde den gesamten Donauabschnitt bis in den Landkreis Straubing-Bogen sowie angrenzende Bereiche der Oberpfalz treffen.
Die Situation spitzte sich jedoch erneut zu.
Am 27. Juli schlug die Gewässeraufsicht wieder Alarm. Erneut wurden Wassertemperaturen von über 28 Grad Celsius gemessen. Gleichzeitig fiel der Wasserstand insbesondere im Biotop Hagel innerhalb kürzester Zeit dramatisch ab.
Auf wenigen verbliebenen Wasserflächen drängten sich plötzlich Fische, Amphibien und zahlreiche weitere Wasserlebewesen. Die Tiere kämpften sichtbar um jeden Liter Wasser. Messungen ergaben nur noch 48 Prozent Sauerstoffsättigung, während der pH-Wert auf über 8 anstieg. Für viele Arten bedeutete dies akute Lebensgefahr.
Besonders erschütternd war der Anblick der zahlreichen Amphibien. Tausende Kaulquappen sowie Frösche suchten in den letzten verbliebenen Wasserlöchern Schutz. Gleichzeitig standen hunderte Fische dicht gedrängt in den Restwasserflächen und zeigten bereits deutliche Anzeichen von Sauerstoffnot.
Nach erneuter Abstimmung mit dem Umweltamt, dem Liegenschaftsamt der Stadt Straubing sowie dem Wasserwirtschaftsamt mussten erneut Sofortmaßnahmen eingeleitet werden. Das Baggerloch wurde ein weiteres Mal mit Hochleistungspumpen des WWA Deggendorf aufgefüllt.
Für den Hagel blieb dagegen nur noch eine Notbefischung. In den frühen Morgenstunden des 31.07. standen zahlreiche ehrenamtliche Helfer des Fischereivereins im Wasser. Unter schwierigsten Bedingungen konnten mehr als 200 Kilogramm Rotaugen und Rotfedern, mehrere Hechte sowie rund 50 Kilogramm Karpfen gerettet und in geeignete Vereinsgewässer umgesetzt werden.
Ebenso wurden mehrere tausend Kaulquappen in benachbarte Gewässer umgesetzt. Dennoch war schnell klar, dass aufgrund der starken Verschlammung und der dichten Wasserpflanzenbestände nicht alle Tiere erreicht werden konnten. Weitere Rettungsaktionen sind deshalb bereits für die nächsten Tage geplant.
Für den ersten Vorsitzenden Stefan Plendl steht fest, dass solche Einsätze zwar Leben retten, aber keine dauerhafte Lösung darstellen.
„Wir können mit großem ehrenamtlichem Einsatz einzelne Gewässer kurzfristig retten. Doch wenn sich an der zunehmenden Verschlammung, den fehlenden Zu- und Abläufen sowie der Wasserführung nichts ändert, werden wir solche Katastrophen künftig immer häufiger erleben. Unsere Altwasser sind unverzichtbare Kinderstuben der Donaufische und gleichzeitig Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Sie verdienen einen nachhaltigen Schutz – nicht erst dann, wenn sie auszutrocknen drohen.“
Der Fischereiverein fordert deshalb kurzfristig die Wiederherstellung eines funktionierenden Zu- und Ablaufes des Baggerlochs sowie ein umfassendes Renaturierungs- und Entschlammungskonzept für das Biotop Hagel. Sämtliche Maßnahmen sollen im Einklang mit Natur-, Arten- und Landschaftsschutz erfolgen.
Denn betroffen sind nicht nur Fische. Während der Einsätze wurden Familien von Teichhühnern und Haubentauchern beobachtet, die sich mühsam durch die verschlammten Restgewässer bewegten. Auch eine dort heimische Biberfamilie wird ihren Lebensraum voraussichtlich verlassen müssen, wenn sich die Situation nicht nachhaltig verbessert.
In den kommenden Wochen sollen deshalb gemeinsam mit dem Wasserwirtschaftsamt, dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt sowie der Stadt Straubing langfristige Lösungen für die Schutzgebiete Vogelau und Pillmoos erarbeitet werden.
Die vergangenen Wochen haben eindrucksvoll gezeigt, wie unverzichtbar ehrenamtliches Engagement für den Natur- und Artenschutz ist. Ohne den außergewöhnlichen Einsatz der Gewässerwarte, der zahlreichen freiwilligen Helfer sowie der Unterstützung durch Feuerwehr, THW und Behörden wären bereits heute weite Teile dieser einzigartigen Lebensräume unwiederbringlich verloren.